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Hautnah. Materialität der Moderne und sensomotorische Ansätze der Berufsbildung im "Zeitalter des Stahles"

Introduction: Das “Zeitalter des Stahles”
In seinem Passagen-Werk, das der Überlieferung nach zwischen 1927 und 1940 entstanden ist, widmet sich Walter Benjamin den kunstvollen Eisen- und Glaskonstruktionen der Pariser Arkaden, die der modernen Großstadt nicht nur eine bisher unbekannte räumliche Atmosphäre gaben, sondern auch einen neuen Lebensstil prägten (Benjamin 1991). In der Tat wurden urbane Räume mehr und mehr durch bauliche und technische Raffinessen bestimmt, die, als Zeugen eines neuen Zeitalters, erst durch Werkstoffe wie Eisen und Stahl entstehen konnten. Im Jahre 1930 wurde vom Deutschen Werkbund, dem unter anderem Künstler, Konstrukteure und Architekten angehörten, der Band „Eisen und Stahl“ herausgegeben. Dieser enthielt 97 Schwarz-Weiß-Photographien von Albert Renger-Patzsch. Der Band machte bereits kurz nach seiner Publikation Furore und dokumentiert die herausragende Rolle der Photographie bei der Propagierung des neuen Zeitalters. Die Einleitung zu „Eisen und Stahl“ wurde vom damaligen Generaldirektor der Vereinigten Stahlwerke Albert Vögler geschrieben. Vögler (Renger-Patzsch 1930, S. 1 ff.) betonte den enormen kulturellen Einfluss von Eisen und Stahl, deren Materialeigenschaften seiner Auffassung nach nicht nur Alltagsdinge, Architektur, Technik und Ökonomie, sondern auch das intellektuelle Leben und die Ökologie ganzer Landschaften gravierend verändert hatten. Konsequenterweise bezeichnete Vögler daher das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert als „Zeitalter des Stahles“ (ebd., S. 1), das er als eine grundlegend neue Welt beschrieb. Auslöser für diese neue Welt waren seiner Meinung nach spezifische Materialien, vor allem aber Eisen und Stahl, die unterschiedliche Härte- und Reinheitsgrade der Eisenerzverarbeitung repräsentierten und die nach und nach neue ästhetische Formen und menschliche Erfahrungen ermöglichten, welche wiederum vor allem von Ingenieuren, Konstrukteuren, Künstlern, Industriearbeitern und Angestellten geplant und ermöglicht wurden. Die rasant verlaufende internationale technische Entwicklung der Eisengewinnung und Stahlproduktion ermöglichte nicht nur die massenhafte Produktion von Waren und Gütern (bei denen Material, Form und Funktion auf neue Weise interagierten), sondern erschloss auch globale Märkte für Konsumenten. (...)

http://hdl.handle.net/10993/27670